Allmende zwischen Kruste und Krümel

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In Leipzig, Zürich, Berlin und Vorpommern finden sich Allmende-Brotback-Initiativen: Die einen versorgen sich mit „nicht-kommerziellem“ Mehl im Gemeinschaftsbackhaus, die anderen organisieren sich als solidarisches Landwirtschaftsprojekt oder tauschen ihre Brotdelikatessen gegen Theaterkarten. Unser Grundnahrungsmittel Brot ist eben mehr als eine reine Handelsware.

Fernab der Brot-Hochkultur liegen vorgeschnittene Laibe abgepackt und eingeschweißt in den Supermarktregalen. Gebacken nach patentversiegelten Rezepten. Beim Bäcker nebenan ersetzen Backmischungen zunehmend althergebrachtes Handwerk. Selbst dem Duft dampfend frischer Backerzeugnisse ist nicht mehr zu trauen, seit es Kartuschen mit künstlichem Brotparfüm gibt.

Gelangweilt von industriellem Brot, fing Malin Elmlid Ende 2009 an, selbst zu backen. So gut und so viel, dass die in Berlin lebende Schwedin auf die Idee kam, es zu tauschen. „Vermutlich könnte sich niemand mein Brot leisten, wenn ich es verkaufen würde. Mein Sauerteig geht mindestens 24 Stunden. Zu Beginn knete ich ihn alle 20 Minuten, manchmal stelle ich mir dafür in der Nacht einen Wecker. Aber selbst wenn man meine Arbeitszeit nicht einrechnet, sind allein die Zutaten unvorstellbar wertvoll. Man kann eben nicht alles kaufen“, bloggt die Bäckerin über ihr Projekt „The Bread Exchange“. Das Prinzip ihres Brottauschs ist einfach und hip wie die Stadt, in der sie lebt: Die 32-Jährige postet auf ihrer Facebook-Seite, was sie gebacken hat – zum Beispiel Sauerteigbrot mit Rosmarin und Salbeikruste. Wer davon etwas möchte, schreibt einen Kommentar und verabredet sich mit ihr zum Tausch in einem Café oder auf der Straße. „Ich tausche das Brot gegen alles, was mich inspirieren könnte oder mich etwas lehrt. Ich tausche es gegen alles, was du besser kannst als ich, und alles, was ich selbst noch nie ausprobiert habe“, schreibt Malin. Sie bekommt für ihr Brot Gästelistenplätze im Lieblingsclub, eine selbstgemachte Kette, Olivenöl, ein Buch, das zu Tränen rührte, oder die perfekte Frühlingsmixkassette. So tauschte Malin ihr Brot schon mit mehr als tausend Menschen. Ist das nicht eine viel schönere Tauscheinheit als Geld?

Unser tägliches Brot … backen wir gemeinsam

Während die Schwedin ins Tauschgeschäft einstieg, kaufte der Leipziger Verein „Casablanca“ vor drei Jahren einen großen gusseisernen Backofen aus der Altmark und schenkte ihn der Allgemeinheit. Schnell fand sich eine erste Backgruppe. Sie nennt sich „Rebäcka“ und bäckt in dem Ofen seither in unterschiedlicher Besetzung regelmäßig Brot – ohne es am Ende zu verkaufen. Auch hier hat das Brot keinen Preis. Im Unterschied zu Malins „Bread Exchange“ funktioniert die „Ganze Bäckerei“ ohne eine Gegenleistung. Damit hebelt sie den Warenstatus des Brots aus.

gemeinsames Backen in Leipzig

In Leipzig muss niemand alleine in seiner Küche backen.
Bild: Katrin Krämer – urheberrechtlich geschützt

Alle zwei Wochen wird in der kleinen Bäckerei in der Josephstraße im Leipziger Stadtteil Lindenau gebacken. Auch an diesem Samstag im März. Vier Bäcker und Bäckerinnen sind dafür früh aufgestanden. Mehlstaubschwaden treiben durch die Luft und flimmern im gleißenden Sonnenlicht, das durch die Fenster der Backstube fällt. Das in Papiertüten verpackte, weiße Weizenpuder steht neben grob gewobenen Säcken, gefüllt mit Bio-Roggen, der noch ein paar Halme, Marienkäfer und Kornblumensamen aus der letzten Saison enthält. Sie werden von Hand herausgesammelt, bevor die elektrischen Mühlen elf Kilo Korn mahlen. Rebäcka ist der Versuch, „ein Grundnahrungsmittel gemeinsam herzustellen, jenseits von Staat und Markt“, sagt Christoph Janasik, der von Beginn an dabei ist. „Wir haben den Geldbedarf so weit wie möglich heruntergefahren“, fährt er fort. Den Roggen, die Hauptzutat des Brots, schenkte ihnen der Karlshof, ein nicht-kommerziell arbeitender Landwirtschaftsbetrieb nördlich von Berlin. Bares braucht Rebäcka noch für Margarine, Hefe, das Weizenmehl und die Ausstattung der Bäckerei. Bislang finanzieren Spenden und Fördergelder die Ausgaben für die „selbstverwalteten Produktionsmittel“, wie sie Bäcker Christoph nennt. „Die Ganze Bäckerei hat so viel Infrastruktur wie die Gruppe tragen kann“, sagt er über die Grenzen des Projekts.

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Kategorie: Bio? Logisch!

2 Kommentare

  1. Klingt lecker – und ein bisschen so, als würden die Städter die gute alte Idee vom dörflichen Backhaus aufgreifen, oder?

    Hier ein aktuelles Beispiel aus Bebra: http://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/backhaus-ofen-glastuer-3217223.html

      

  2. Macht auf jeden Fall Lust, so etwas in der eigenen Region zu verwirklichen. Ich finde es spannend, Brot als Gemeingut und nicht als Handelsware zu betrachten.

    Daher vielen Dank an Anja Humburg für diesen spannenden Gastbeitrag!

      

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