„Auf die Katastrophen können wir nicht warten“

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Stattdessen müssten schon heute angesichts des Welthungers Alternativen entstehen, sagte Nikolai Fuchs, Vorstandsmitglied der GLS Treuhand. Diese hatte zur vierten Landwirtschaftlichen Tagung am 21. März in Kassel eingeladen. Themenschwerpunkt war dieses Jahr „Commoning zwischen Menschenrecht auf Nahrung und Wachstumsdruck“. Millionen Menschen hungern, während andere im Überfluss leben – doch wie kann das Menschenrecht auf Nahrung in unserer wirtschaftlichen Realität gelebt werden?

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Silke Helfrich und Nikolai Fuchs diskutierten mit dem Publikum und beantworteten zahlreiche Fragen.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Die diesjährige Tagung hatte sich einem großen Weltthema gewidmet, welches zu breiten politischen Debatten und philosophischen Ausflügen einlud. Was nutzt ein Recht auf Nahrung, wenn es in der Praxis nur schwer umgesetzt werden kann? Denn nur wer über genügend Land oder Geld verfügt, kann sich auch ausreichend ernähren. „Nahrung ist nicht verhandelbar, denn jeder Mensch muss essen“, sagte Nikolai Fuchs in seinem Eröffnungsvortrag und legte nach: „Wenn wir das Menschenrecht auf Nahrung ernst meinen, dann kann es nicht davon abhängen, ob man sich Lebensmittel leisten kann oder nicht.“ In der Zeit des Überflusses auf der einen Seite des Globus, hungern auf der anderen Seite Millionen von Menschen. „Das ist ein Skandal erheblichen Ausmaßes“, meinte Fuchs.

Gemeingut gut, Handelsware böse?

Referenten und Teilnehmer waren sich vielfach einig, dass Landwirtschaft von Grund auf neu gedacht werden muss. „Wenn wir etwas nicht denken können, können wir es auch nicht gestalten“, sagte Silke Helfrich in ihrem Vortrag. Nähme man das Menschenrecht ernst, wären im nächsten logischen Schritt Lebensmittel keine Handelswaren, sondern Gemeingüter. Zugegeben, es ist eine Krux: Einerseits sind Lebensmittel hierzulande so billig wie noch nie – manch ein Landwirt nennt dies traurig „wertlos“ – andererseits gelingt es der Marktwirtschaft nicht, alle Menschen satt zu machen. Auch in Deutschland gibt es Armut mit entsprechender Fehlernährung.

Wie schon im letzten Jahr, gab Helfrich Einblicke in die Welt der Gemeingüter und wie sie gestaltet werden können. Manch ein Biolandwirt fragte sich anschließend jedoch, ob nun alles als Gemeingut organisiert sein, jeder Mensch wieder selber auf dem Acker oder im (Gemeinschafts)Garten stehen muss oder ob das Vermarkten guter Lebensmittel als Ware nicht auch berechtigt ist. Tatsächlich wird ein Systemwechsel schrittweise stattfinden und mit mehreren parallel existierenden Wegen: von der solidarischen Landwirtschaft, über Gemeinschaftsgärten bis hin zu vorbildlich arbeitenden Biohöfen, die ihre Produkte auf dem regionalen Markt anbieten. Schließlich ist auch unsere arbeitsteilige Gesellschaft ein Segen, so dass – zumindest theoretisch – jeder seine speziellen Talente entwickeln und einbringen kann. Trotz des großen Themas und seiner politischen Dimensionen gelang es oft, auf konkrete Beispiele in der Praxis einzugehen und sich nicht in Utopien zu verlieren. Dies machte auch der breite Mix des Publikums möglich.

Alternativen dringend benötigt

In seiner Arbeitsgruppe verwies Nikolai Fuchs auf die Reaktorkatastrophe in Fukushima, die den deutschen Ausstieg aus der Atomenergie gefestigt hat. „Der Ausstieg war nur möglich, weil es im Vorfeld durch erneuerbare Energien auch Alternativen gab.“ Anders als in Japan, dass einen Teil seiner Reaktoren wieder anfahren wird, denn die fossilen Energieträger sind auf Dauer zu teuer.

Ebenso bräuchte es schon heute Alternativen zur industriellen Landwirtschaft, damit auch in Zukunft Auswege vorhanden sind. Schließlich könne man nicht auf Katastrophen warten, um erst dann andere Möglichkeiten zu erarbeiten. Auf einer solchen Basis sollte dann eine echte Agrarwende möglich sein.

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Kategorie: Bio? Logisch!

2 Kommentare

  1. Hallo Herr Brehl, mit Interesse habe ich Ihren Artikel über die Tagung in Kassel gelesen!

    Ich selbst war auch dort und habe ebenfalls einen Artikel darüber verfasst – wir waren sogar in der gleichen Arbeitsgruppe. Ich hinterlasse einfach mal den Link: http://dasmaedchenimpark.org/2015/03/22/die-hungersnot-und-ich/

    Mit besten Grüßen,
    Regine Beyß

      

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