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30 Jahre Bioland in Hessen: Umwelt und Gemeinwohl im Fokus

Die Zeiten haben sich geändert, woran Gita Sandrock, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes Hessen, auf der gestrigen Feier anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Bioland in Hessen gerne erinnerte. „Es ist keine Frage mehr, ob Biolandanbau funktioniert.“ Bio sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Neben den berechtigten Glückwünschen und der Rückschau auf zahlreiche Erfolge hieß es dennoch nicht „alles öko, alles gut“. Schließlich gäbe es noch genug Baustellen in der ökologischen Landwirtschaft, worauf auch Bioland-Präsident Jan Plagge in seiner Festrede hinwies.

Gemeinsam mit hessischen Bio-Landwirten und Vertretern aus Politik und Wissenschaft hat Bioland Hessen gestern das 30-jährige Bestehen in der Geschäftstelle Fulda gefeiert. Eine kleine Zeitreise: Vor drei Jahrzehnten fasste der Biolandanbau Fuß in Hessen. Sich damals dem Anbauverband anschließende Landwirte waren Überzeugungstäter, denn es gab weder eine Umstellungsprämie, kaum Wertschätzung in der Gesellschaft, keine Anbauberater und erst recht keine ausgereiften Vermarktungsstrukturen. „Heute boomt Bio“, sagte Sandrock – allerdings brauche es eine andere Art Wachstum. Statt „wachsen oder weichen“, solle die ökologische Landwirtschaft gemeinwohl-orientiert ausgebaut werden. Im Fokus stehe dann auch Qualität und nicht Quantität.

Deutschland braucht mehr Bio-Bauern

Während die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln seit Jahren im Handel steigt, kann die heimische Nachfrage nur durch Exporte befriedigt werden. „Es braucht nicht nur Landwirte, die sich der ökologischen Landwirtschaft anschließen, sondern vor allem politische Sicherheit“, sagte Gregor Koschate, Geschäftsführer der Bioland Geschäftsstelle Hessen.

Bundestagsabgeordneter Michael Brand (CDU) aus Fulda erinnerte in seinen Grußworten an 1986. Nicht nur Bioland eröffnete in dem Jahr seine Geschäftstelle in der Barockstadt, sondern es ereignete sich auch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Plötzlich standen aufgrund des radioaktiven Fallouts auch gesunde Lebensmittel im Fokus der Öffentlichkeit. „Wenn der Mensch glaubt, er könne alles bestimmen, wird es nicht immer gut“, sagte Brand im ernsten Ton. Damals sei klar geworden, dass man neue ökologische Wege gehen müsse. Darin sieht er keinen neuen Trend, sondern eher ein Rückbesinnen auf Traditionen. „Danke für das Startsignal, was Bioland vor 30 Jahren gesetzt hat.“

Gräben zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft überwinden

Konventionell und ökologisch wirtschaftende Landwirte sind im hessischen Bauernverband vertreten und haben mitunter gegenteilige Forderungen. Karsten Schmal, Präsident des hessischen Bauernverband, sprach sich für Kooperation aus. „Wir sollten uns auf Gemeinsamkeiten konzentrieren.“ Dies sei auch entscheidend, um die hessische Nachfrage nach Bio-Produkten regional befriedigen zu können.

In seinem Festvortrag sprach Bioland-Präsident Jan Plagge auch Schwachstellen des Biolandanbaus an, denn noch seien nicht alle Stoffkreisläufe geschlossen. Aber es tue sich etwas, besonders in Sachen Tierwohl verlagern sich die Bio-Kontrollen „weg vom Papier und hin zum Tier“. Bis vor kurzem seien auch „männliche Überschuss-Tiere“, wie Abfall entsorgt worden. So werden beispielsweise vielerorts massenhaft männliche Küken am Tag der Geburt getötet. Sie gehören einer Hybrid-Rasse an, die eine hohe Eierlege-Leistung aufweist, aber sich kaum für die Mast eignet. Heute gibt es beispielsweise die Bruderhahn-Initiative [1], an der auch Bioland-Höfe mitwirken. Diesen Wandel habe auch die wachsende gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf nachhaltige Produktionsweisen von Lebensmitteln begünstigt.

Zudem habe man sich in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu stark auf den globalen Markt konzentriert, doch „Deutschland wird nicht die Welt ernähren.“ Heimische Betriebe begaben sich im internationalen Wettbewerb und gerieten daher unter Kostendruck. Dabei könne beispielsweise ein deutscher Mastbetrieb unmöglich mit seinem Pendant in Amerika konkurrieren. Viel mehr seien Bio-Landwirte vor Ort sinnvoll, die jeweils die einheimische Nachfrage bedienen können. So könne man den Welthunger [2]beseitigen – ganz im Sinne von global denken und lokal handeln.