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Bio für den schmalen Geldbeutel

„Bio-Lebensmittel sind zu teuer.“ Über diese Aussage ärgerte sich Rozsika Farkas regelmäßig. Denn im gleichen Atemzug leisteten sich ihre Bekannten große Autos, fuhren mitunter mehrmals im Jahr in den Urlaub, besaßen Eigentumswohnungen und vielleicht auch ein Ferienhaus. „Euch beweise ich das Gegenteil“, dachte sich die freie Journalistin im Stillen. Als Farkas ihr eigenes Magazin einstellen musste und ihren wichtigsten Auftraggeber verlor, trat im Mai 2009 der Ernstfall ein. Damals betrug der Anteil des Hartz-IV-Satzes für Lebensmittel 4,35 Euro pro Tag. Die Journalistin startete ihren Selbstversuch, davon einen Monat konsequent Bio-Produkte zu kaufen. In ihren „Arm aber Bio!“-Büchern teilt sie ihre Erfahrungen und leckere Rezepte.

Die 60jährige Rozsika Farkas lebt in München und ist seit über dreißig Jahren als freie Journalistin tätig. Zunächst im Themenbereich Kultur, bis sich die kulinarischen Schwerpunkte durchsetzten. „Schon in meiner Kindheit habe ich mich gerne mit Kochen beschäftigt und begeistert die Werke des Gastrokritikers Wolfram Siebeck gelesen.“ Farkas liebt gutes Essen, wozu auch gute Zutaten gehören. „Irgendwann machte ich mir Gedanken darüber, woher die Lebensmittel stammen und wie sie hergestellt werden.“ Spätestens als sie mit 30 Jahren ihren Sohn zur Welt brachte, war die Vorliebe für Bio-Produkte gefestigt. „Als Mutter möchte man seinem Kind nur das Beste und Gesündeste bieten. Zwei Jahre nach der Geburt meines Sohnes ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl. Spätestens jetzt kreisten die Gedanken um die Frage, welche Lebensmittel man noch bedenkenlos konsumieren konnte.“

Selbstversuch aus der Not heraus

Als 2009 im Zuge der Finanzkrise der Anzeigenmarkt einbrach, spürten die Medien am eigenen Leib die Auswirkungen. Auch Farkas war betroffen: Sie musste ihr Wein-Magazin „divino“ einstellen; übrig blieben nur die Schulden. Auch ein Gastronomie-Magazin, für das die Journalistin regelmäßig schrieb, schloss seine Pforten.

„Ich war pleite auf allen Ebenen“, sagt Farkas. Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, machte sie aus der Not eine Tugend. Es war an der Zeit, den Beweis anzutreten, dass man sich auch mit einem schmalen Geldbeutel von guten Bio-Lebensmitteln ernähren kann. „Im Grunde blühte mir der Bezug von Hartz-IV und ich wollte wissen, was da auf mich zukommt. Für Lebensmittel hätte ich dann täglich 4,35 Euro.“ Im Mai 2009 sagte Farkas alle Termine ab und widmete sich ausschließlich ihrem Selbstversuch. Daraus entstanden ihre beiden „Arm aber Bio!“-Bücher. Ihren Autorennamen hat sie mit „Rosa Wolff“ eingedeutscht, damit ihn interessierte Leser besser aussprechen können.

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Es ist bewiesen: Auch Sparfüchse können schlemmen.

„Discounter sind Unsinn“

Wer bei billigen Bio-Lebensmitteln an Aldi, Lidl, Norma & Co. denkt, irrt sich. „Discounter sind Unsinn“, sagt Farkas lachend. Die Preisunterschiede seien mitunter marginal, wie die Journalistin schon bald feststellte. Für ihre Bücher besuchte sie Supermärkte, Bioläden und eben Discounter. „Hier waren zwar beispielsweise die Karotten billiger, doch ich musste gleich ein abgepacktes Kilo kaufen.“ Im Bioladen war der Kilopreis zwar höher, doch Farkas konnte zu der Menge greifen, die sie wirklich brauchte und verarbeiten konnte. Lebensmittel, die im Müll landen [1], sind eine echte Kostenfalle. Daher sollte die Vorratshaltung sinnvoll an Verbrauch und Einkaufssituation angepasst werden.

„Zudem ist das Angebot an Bio-Lebensmitteln im Discounter deutlich eingeschränkt.“ Meist finden sich hier nur Produkte mit dem EU-Bio-Siegel, welches die schwächste Form des Bio-Anbaus symbolisiert. Hier sind die meisten Ausnahmen erlaubt und Lebensmittelhersteller können gleichzeitig konventionell arbeiten. Bei den Anbauverbänden wie Bioland, Naturland und Demeter gelten strengere Vorgaben, beispielsweise was die Futtermittel betreffen. „Bei Lebensmittel tierischen Ursprungs greife ich persönlich ausschließlich zu Demeter-Produkten“, erklärt Farkas im festen Ton.

Doch auch die Geschäftspraktiken der Discounter sind der Journalistin ein Dorn im Auge. „Die billigen Preise sind meiner Meinung nach nicht korrekt, denn irgendjemand zahlt mit Sicherheit dabei drauf.“ Seien es unterbezahlte Erntehelfer oder wir alle, weil unsere Umwelt durch industrielle Massenproduktion nachhaltig geschädigt wird. „Das empfinde ich als unmoralisch, ja fast schon als kriminell.“

Für Farkas ist es für das Selbstwertgefühl entscheidend, sich gute Lebensmittel zu gönnen. Niemand sollte sich durch Armut dazu gedrängt fühlen, seine Ansprüche an eine gesunde Ernährung aufzugeben. „Man darf sich nicht klein machen lassen, das ist auch wichtig für die Seele.“

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Wer sich neben Rezepten für den kompletten Selbstversuch von Rozsika Farkas interessiert, greift auch zu diesem Buch.

Kostenfallen konsequent vermeiden

Sich günstig mit guten Bio-Lebensmitteln zu versorgen klingt kompliziert und erfordert auch tatsächlich Mühe – doch es lohnt sich. „Bei der Qualität muss ich tatsächlich keine Abstriche machen, dafür aber bei manchen Produkten. Bio-Mangos passen beispielsweise nicht zu einem schmalen Budget.“ Es sei entscheidend, konsequent zu handeln: Auf die Saison achten, so wenige Fertigprodukte wie möglich kaufen, keine Lebensmittel im Müll entsorgen und vor allem selber kochen.

Pizza, Kartoffel-Püree und auch Kekse schmecken nicht nur selbst gemacht am besten, sondern sind oft deutlich günstiger. Beispielsweise werden die beliebten schottischen Butterkekse „Shortbread“ relativ teuer verkauft. Das Rezept [2] aus dem „Arm aber Bio!“-Kochbuch hat Farkas freundlicherweise freigegeben und ich habe die leckeren Kekse schon mehrmals gebacken. „Die Zeit ist ins Selbermachen immer gut investiert.“

Am Ende ihres Experiments überzog Farkas das Budget minimal und inzwischen wurde der Hartz-IV-Satz mehrfach erhöht. Die Journalistin hat dennoch bewiesen, dass Bio auch mit einem schmalen Geldbeutel möglich ist.

Selbstversuch läutete die finanzielle Wende ein

Ihre beiden Bücher [3] verlegte Farkas komplett in Eigenregie. So konnte sie die Inhalte selber bestimmen, die Werke recht schnell auf den Markt bringen und verdiente pro Verkauf mehr. Für die Druckkosten mobilisierte die Journalistin ihre letzten finanziellen Mittel. Nicht nur der Selbstversuch war ein Erfolg, sondern auch die Bücher, die die Autorin fürs erste aus dem finanziellen Tal geführt haben. Inzwischen gibt es auch wieder neue Auftraggeber. „Mein großes Glück ist, ich muss nur über das schreiben, was mir am Herzen liegt.“