Dorffrieden versus ökologische Landwirtschaft

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Papst und die Bischöfe der katholischen wie der evangelischen Kirche sind sich einig: Die Bewahrung der Schöpfung muss auch konkret und flächendeckend auf kirchlichem Ackerland stattfinden. Im besten Fall gilt es die insgesamt 600.000 Hektar unter ökologischen Gesichtspunkten zu verpachten. Die entsprechenden Ziele sind gesetzt, wenn doch nur nicht die komplizierte örtliche Praxis einen Strich durch die Rechnung machen würde.

Etwa drei Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland sind Eigentum der beiden großen Kirchen. Würden diese ökologisch genutzt, wäre es ein großer Schritt für die Agrarwende – schließlich soll laut aktuellem Koalitionsvertrag 2030 ein Fünftel aller Ackerflächen ökologisch bewirtschaftet werden. Etwa die Hälfte des Ziels haben wir bislang erreicht. Nicht zuletzt durch die von Papst Franziskus 2015 veröffentlichte „Enzykla Laudatio Si – Über die Sorge des gemeinsamen Hauses“ sind der Schutz von fruchtbaren Böden und der Artenvielfalt längst kirchliche Themen. Ebenso sieht es bei der evangelischen Kirche aus. Dennoch wird nur ein Bruchteil des kircheneigenen Ackerlandes unter ökologischen Kriterien bewirtschaftet.

Kirchenland in Öko-Hand: ja, aber!

Auf die Suche nach den Ursachen machten sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Biofach. „Das Bewusstsein ist nicht vom Himmel gefallen“, stellte Matthias Kiefer, Umweltbeauftragter des Erzbistums München und Freising klar. Auch auf öffentlichen Druck hin stünden auf der Beschlussebene die Weichen in Richtung öko, die Probleme lägen im Detail. In den meisten Fällen sind die Kirchengemeinden Eigentümer der Ländereien, die sie nach eigenen Kriterien frei verpachten können. Die Verwaltungen der Landeskirchen hätten nur einen sehr geringen Einfluss. „Alleine im Erzbistum München und Freising sprechen wir von 752 eigenständigen Pfarreien, hinzu kommen noch die Stiftungen. Es gibt zwar Musterpachtverträge, aber die sind nicht bindend. Da braucht es vor Ort enorm viel Überzeugungsarbeit.“ In Bayern habe sich durch das letztjährige Volksbegehren zum Schutz der Artenvielfalt der öffentlichen Druck auf die Kirchengemeinden erhöht.

Bei der Definition von ökologischen Kriterien mahnte Kiefer an, dass die Pachtvergabe auch praktikabel bleiben müsse. Auflagen zu machen, die man hinterher nicht kontrollieren könne, nützten wenig. Wenn man an bereits zertifizierte Öko-Landwirte verpachtet oder an Landwirte, die staatliche Naturschutzmaßnahmen umsetzen, sei die externe Kontrolle automatisch gegeben. Ackerflächen dürfen auch in Zukunft nur an Ortsansässige verpachtet werden, darin waren sich alle einig. „Wenn es vor Ort allerdings keinen Biobauern gibt, wird der konventionelle sich kaum bereit erklären, die zusätzlich von der Kirche gepachteten Hektar anders zu bewirtschaften“, meinte Kiefer und legte nach: „Wir werden keine flächendeckende Verpachtung ausschließlich an zertifizierte Biolandwirte bekommen.“

Ähnliches wusste auch Dirk Hillerkus vom Institut für Kirche und Gesellschaft für die evangelische Kirche zu berichten. Der kirchenpolitische Wille stehe klar auf grün. Für die Pachtvergabe sind allerdings die 15.000 Kirchengemeinden vor Ort zuständig. Sie alle zu überzeugen ist Sisyphos-Arbeit. „Das sollte uns aber nicht davon abhalten weiter daran zu arbeiten, die Ackerflächen ökologischer zu bewirtschaften.“ Er selbst hat auch die konventionellen Bauern im Blick. „Wir wollen alle Landwirte mitnehmen. Wenn wir die Landwirtschaft immer ökologischer gestalten, landen wir am Ende bei bio.“ Zusätzlich gälte es soziale Aspekte wie faire Löhne auch für Saisonarbeiter und das Engagement im Dorf zu betrachten. Gemeinsam mit dem Projekt Fairpachten – welches Privatpersonen, Kommunen und Kirchengemeinden in Sachen ökologischer Pachtvergabe berät und einen Musterpachtvertrag anbietet – habe man entsprechendes Informationsmaterial für die evangelische Kirche von Westfalen erarbeitet. Das würde bereits für die Pachtvergabe genutzt. Bis dies flächendeckend bei allen Kirchengemeinden der Fall sei, würde noch dauern. Generell gäbe es vielerorts schon lange Stillstand und Flächen würden seit Jahrzehnten immer wieder an die gleichen Akteure verpachtet. „Teilweise wissen die Kirchengemeinden nicht, wo und wie viel Land sie besitzen“, stellte Hillerkus für das Publikum ernüchternd fest.

Kiefer und Hillerkus waren sich einig, dass Ökologie immer vor Ökonomie stehen müsse. Natürlich müssten Kirchengemeinden und die kirchlichen Stiftungen mit dem Verpachten auch Geld verdienen, doch vielerorts lägen die Pachtpreise deutlich unter dem ortsüblichen Schnitt.

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Kategorie: Bio? Logisch! | Schlagwörter:

2 Kommentare

  1. Auch dieses Thema: sehr spannend, Jens!

    Gibt es denn in der evangelischen und katholischen Kirche Deutschlands Gremien, die das intensiv weiter verfolgen? Sind jeweils mehrere Menschen damit beschäftigt, jede einzelne Kirchengemeinde von ökologischer und gentechnikfreier Landwirtschaft/Verpachtung zu überzeugen? Oder eben von einer zentraleren Vermarktung.

    Es soll ja hoffentlich nicht bei Sonntagsreden bleiben…

      

    • Es gibt in den Bistümer und Diäzösen oftmals Umweltbeauftragte und beide Kirchen haben auch übergeordnete Gremien, die das Thema ökologische Verpachtung weiter verfolgen.

      Dort, wo Gemeinden und kirchliche Stiftungen ihre Ländereien eigenständig verpachten, müssen im Grunde immer wieder die verantwortlichen Personen überzeugt werden. Schließlich bestimmen sie selbst, wie sie die Pachtverträge gestalten.

      Wie im Beitrag beschrieben, kommen auch örtliche Verflechtungen ins Spiel. Was tun, wenn der langjährige konventionelle Pächter viel spendet und sich in der Kirche engagiert, er aber bei einer Neuverpachtung nicht mehr zum Zuge kommt? Ich kann mir vorstellen, dass Pfarrer und Gemeinden diesen Konflikten lieber aus dem Weg gehen wollen. Im Sinne der ökologischen Agrarwende ist das natürlich keine Lösung.

      Ob jemals alle kirchlichen Ackerflächen ökologisch bewirtschaftet werden, wird die Zukunft zeigen. Wenn es meine Ressourcen zulassen, möchte ich selbst weiter am Thema bleiben.

        

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