Dorffrieden versus ökologische Landwirtschaft

| 2 Kommentare | Druckversion Druckversion | E-Mail E-Mail

Gentechnik auf dem Kirchenacker? Geht klar!

Ökolandwirt und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland, Ralf Demmerle aus Hausen in Thüringen, zeichnete ein ganz anderes Bild. Vor acht Jahren stellte er fest, dass die evangelische Kirche Mitteldeutschland 80.000 Hektar Ackerland besitzt, dass zwar zentral in Magdeburg verwaltet aber stets an die gleichen Pächter vergeben wird. Nichts mit „Ökologie vor Ökonomie“: „Da spielte der Pachtpreis eine herausragende Rolle. Jahrelang sind wir mit Traktoren vor die Synode gezogen und haben für ein neues Pachtverfahren demonstriert.“ Im Blick hatten sie besonders die kleinen Betriebe, denn „wir sind besonders im Osten auf den Weg zu immer mehr Industrialisierung.“ Stichwörter: Höfesterben, wachsen oder weichen. Der Protest zahlte sich aus, denn bei der Pachtvergabe gibt es nun einen Pluspunkt für ökologischen Landbau. Auch Demmerle profitiert davon und konnte 40 Hektar für seinen Betrieb pachten.

Doch gerade vor Ort gäbe es immer wieder durch jahrelange Verflechtungen Konflikte und Unfrieden in den Kirchengemeinden und Dörfern. Der evangelische Christ Demmerle war eigens dem örtlichen Kirchenrat beigetreten, um diese Verflechtungen aufzubrechen. Er fragte die Pfarrerin, ob sie seine Bewerbung um Pachtland unterstützen würde und gerne wollte er in einer Veranstaltung auf das Thema der Vergabepraxis aufmerksam machen. Zunächst aufgeschlossen, fiel dann laut Demmerle der Satz „Wir können doch der Agrargenossenschaft das Land nicht wegnehmen, die hat doch das Kirchendach bezahlt.“ Natürlich würden sich die Agrargenossenschaften vor Ort sozial engagieren und für gemeinnützige Projekte spenden. „Aber die erwarten auch eine Gegenleistung“, sagte Demmerle. Für Kiefer und Hillerkus sind solche Konflikte nichts Neues. „Die Pfarrgemeinden müssen aus dem Dilemma raus und das Kirchenland muss zentral verwaltet werden“, ist sich Demmerle sicher – obwohl er in dieser Hinsicht auch enttäuscht ist. So erlaubt die evangelische Kirche keine Gentechnik auf ihren Äckerflächen. „Das haben aber nicht alle Gemeinden entsprechend in ihren Pachtverträgen übernommen“, erklärte Demmerle. Dennoch müsse das kirchliche Ackerland zentral und nach ökologischen Kriterien verpachtet werden. „Nur auf die Vernunft der Pfarrer und der Kirchengemeinden zu bauen reicht mir nicht aus. Was nutzt es, wenn der Papst und die Bischöfe einen ökologischen Weg vorschreiben, er aber in der Praxis nicht flächendeckend umgesetzt wird? Das kann ich nicht akzeptieren“, sagte er mit Nachdruck. Angesicht drängender Umweltprobleme habe man keine Zeit mehr darauf zu warten, „dass die Vernunft auf der untersten Verwaltungsebene ankommt.“

Kompetenz vor Ort belassen

Die Vergabe von Kirchenland auf der mittleren Verwaltungsebene anzusiedeln sah Kiefer alleine aufgrund des dadurch notwendigen Personalaufbaus schwierig. „Die Verantwortung muss weiter vor Ort liegen. Das halte ich grundsätzlich für ein hervorragendes Prinzip“, stellte er klar. Welche Instanz Pachtverträge abschließe sei zweitrangig, so lange das Verfahren transparent sei und es einheitliche Kriterien gäbe. „Die sozialen Aspekte haben wir schon gut abgedeckt, die ökologischen bei weitem noch nicht.“ Demnach ist es ein langer Weg, bis die Bewahrung der Schöpfung auch flächendeckend auf den Äckern der Kirchen angekommt.

Hinweis: Die Podiumsdiskussion fand am 13.02.2020 auf der Biofach statt und trug den Titel „FairPachten: Öffentliches und kirchliches Land in Bio-Hand“. Teilgenommen haben auch Björn Pasemann von der FINC-Foundation gGmbH und Jochen Goedecke von Fairpachten/NABU Stiftung Nationales Kulturerbe. Ursula Hudson, Vorstandsvorsitzende von Slow Food Deutschland schwärmte in ihrem Grußwort vom Modell der Solidarischen Landwirtschaft als „Leuchttürme der transformierenden Landwirtschaft“ und würde sie daher gerne flächendeckend auf Kirchenäckern sehen. Sie ließ sich auf dem 2. Fachtag Solidarische Landwirtschaft begeistern. Für den Beitrag habe ich entschieden, mich auf den Themenkomplex kirchliches Ackerland und dessen Pachtvergabe zu konzentrieren.

In jedem Beitrag auf „Brehl backt!“ steckt journalistische Arbeit. Ganz bewusst sind sämtliche Inhalte für jeden frei zugänglich. Das geht nur, weil Leser und Leserinnen freiwillig für die Inhalte bezahlen. Sind auch Ihnen die Themen wichtig und möchten Sie noch mehr Beiträge auf „Brehl backt!“ lesen, dann unterstützen Sie bitte meine Arbeit.
Kontoverbindung
Kontoinhaber: Jens Brehl
IBAN: DE56430609676016706401
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Brehl backt
Bank: GLS Bank
Paypal

 

Kategorie: Bio? Logisch! | Schlagwörter:

2 Kommentare

  1. Auch dieses Thema: sehr spannend, Jens!

    Gibt es denn in der evangelischen und katholischen Kirche Deutschlands Gremien, die das intensiv weiter verfolgen? Sind jeweils mehrere Menschen damit beschäftigt, jede einzelne Kirchengemeinde von ökologischer und gentechnikfreier Landwirtschaft/Verpachtung zu überzeugen? Oder eben von einer zentraleren Vermarktung.

    Es soll ja hoffentlich nicht bei Sonntagsreden bleiben…

      

    • Es gibt in den Bistümer und Diäzösen oftmals Umweltbeauftragte und beide Kirchen haben auch übergeordnete Gremien, die das Thema ökologische Verpachtung weiter verfolgen.

      Dort, wo Gemeinden und kirchliche Stiftungen ihre Ländereien eigenständig verpachten, müssen im Grunde immer wieder die verantwortlichen Personen überzeugt werden. Schließlich bestimmen sie selbst, wie sie die Pachtverträge gestalten.

      Wie im Beitrag beschrieben, kommen auch örtliche Verflechtungen ins Spiel. Was tun, wenn der langjährige konventionelle Pächter viel spendet und sich in der Kirche engagiert, er aber bei einer Neuverpachtung nicht mehr zum Zuge kommt? Ich kann mir vorstellen, dass Pfarrer und Gemeinden diesen Konflikten lieber aus dem Weg gehen wollen. Im Sinne der ökologischen Agrarwende ist das natürlich keine Lösung.

      Ob jemals alle kirchlichen Ackerflächen ökologisch bewirtschaftet werden, wird die Zukunft zeigen. Wenn es meine Ressourcen zulassen, möchte ich selbst weiter am Thema bleiben.

        

Kommentar-Feed (RSS)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.