Drei Cent für mehr Hörner

| 3 Kommentare | Druckversion Druckversion | E-Mail E-Mail

Jens Brehl: Anbauverbände wie Bioland erlauben ihren Mitgliedern in Ausnahmefällen, Rinder zu enthornen. Ist das auch bei Demeter möglich?

Ulrich Mück: Nein, bei Demeter dürfen Kühe nicht enthornt werden. Hörner sind Wesensmerkmale der Kühe. Zudem sind sie wichtige Bestandteile im biologisch-dynamischen Anbau. Unter anderem werden sie mit Mist oder Quarz gefüllt, um damit homöopathische Heilmittel für Böden und Pflanzen herzustellen. Es wäre widersinnig, wenn wir hornlose Rinder halten würden.

enthornte-kuh-bb

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0

Jens Brehl: Als Alternative zum Enthornen wird die hornlose Rinderzucht ins Feld geführt, bei der sämtliche Nachkommen hornlos werden. Seit wann spielt das in der Erwerbslandwirtschaft eine Rolle?

Ulrich Mück: Ab den 60er Jahren hat man in der Landwirtschaft Laufställe gebaut. Damit die hohen Kosten getragen werden konnten, wurden möglichst viele Tiere darin untergebracht. Mit horntragenden Rindern funktioniert das nicht. Zu enge Laufställe und die Art der Futtervorlage stören jedoch den sozialen Frieden in den Herden. Rinder haben eine Hoheitszone, im Fachbegriff eine Individualdistanz. Stallhaltungen schaffen oft die Situation, dass niederrangige Tiere kaum oder nicht rechtzeitig ausweichen können und Höherrangige ihr Recht körperlich einfordern. Das führt zu einer aggressiven Unruhe in der Herde. Von Seiten der Tiere steckt da keine Bosheit dahinter.

Das Enthornen verbessert diese Herdensituation übrigens nicht. Es gibt mehr Auseinandersetzungen in hornlosen Herden wie in horntragenden. Lediglich das Auftreten von Verletzungen durch Hörner wird geringer. Auf der Weide stellen die Hörner auch heute kein Problem dar.

Jens Brehl: Warum hat das Halten von hornlosen Rindern dennoch zugenommen?

Ulrich Mück: Wer einen Laufstall baute, dem wurde seitens der staatlichen Stallbauberater dringend empfohlen seine Tiere zu enthornen. Der Frage wie Laufställe aussehen müssten, damit horntragende Tiere darin gehalten werden könnten, wurde viele Jahrzehnte nicht nachgegangen. Mittlerweile liegen für Milchviehbetriebe allerdings Empfehlungen und Beratungsmerkblätter vor.

Zudem werden im Gegensatz zu früher auf den Höfen nicht mehr zehn Tiere gehalten, so gibt es heute im ökologischen Landbau auch Betriebe mit 200 Kühen und mehr. In gewisser Weise haben wir uns ein Stück von den Tieren entfremdet, denn mancherorts ist der individuelle Mensch-Tier-Bezug nicht mehr so eng. Manche Tierhalter wurden ängstlicher, können Situationen und Rinder nicht mehr so gut einschätzen und sind dadurch nicht zu jeder Zeit Herr der Lage. Belegbare Zahlen, dass das Verletzungsrisiko für Menschen bei enthornten Kühe tatsächlich abnimmt, gibt es aber nicht. Beim naturgemäßen Halten von Rindern müssen die Tierhalter bereit sein, auch mit Hornkühen umgehen zu können. Das erfordert etwas mehr Aufmerksamkeit und Zeit. Kühe an sich sind keinesfalls grundsätzlich aggressiver nur weil sie Hörner haben.

Im Grunde sind es heute wirtschaftliche Aspekte. Das Halten von und Stallbau für horntragende Tiere ist aufwendiger. Die Mehrkosten für den Stallbau wurden mit etwa drei Cent je Liter Milch berechnet. Das müssten die Bauern bekommen, die horntragende Milchkühe halten.

Der Beitrag hat Ihnen gefallen? Sie können dafür bezahlen und damit unabhängigen Journalismus fördern!
Kontoverbindung
Kontoinhaber: Jens Brehl
IBAN: DE56430609676016706401
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Brehl backt
Bank: GLS Bank
Paypal

 

Kategorie: Bio? Logisch! | Schlagwörter:

3 Kommentare

  1. Spannend! Du hast ja schon einiges erzählt, aber vieles war mir ganz neu.

    Was ich nicht verstanden habe: Woher stammen die Hörner bei demeter, die mit Mist oder Quarz gefüllt werden, um damit homöopathische Heilmittel herzustellen?

      

    • Die Einblicke hat ja Ulrich Mück im Interview gewährt – welches übrigens länger dauerte, als ich vorher gesagt habe. Trotzdem hat er meine Fragen geduldig beantwortet.

      Rinder werden irgendwann einmal geschlachtet und dann hat man auch Hörner zur Verfügung. Du hast ja mein Buch „Regionale Biolebensmittel“. Dort geht Landwirt Thorsten Keuer auf Seite 23 kurz auf die Präparate und Kuhhörner ein.

        

  2. Dass es bei Demeter keine Betriebe mit hornlosen Rindern gibt, stimmt nicht. Im Rems-Murr-Kreis (Baden-Württemberg) gibt es einen solchen Betrieb, die „Erlacher Höhe“. Dieser Demeter-Betrieb hat eine Ausnahmegenehmigung bekommen, weil die Berufsgenossenschaft das Halten hornloser Rinder verlangt hat, da sonst die Verletzungsgefahr für die mitarbeitenden Betreuten Bewohner der Einrichtung zu groß sei.
    Ich bin selber Bio-Landwirt (Bioland) und unbedingt der Meinung, dass Kühe ihre Hörner brauchen, sowie ein eindeutiger Gegner der Zucht auf Hornlosigkeit. Aber dafür brauche ich keinen anthroposophischen Hokus-Pokus als Begründung. Das obige Beispiel entlarvt das Gefasel um die Hörner bei Demeter als das, was es ist: dummes Geschwätz! Denn nähme Demeter seine eigenen Aussagen ernst, hätte eine solche Ausnahmegenhemigung nie erteilt werden dürfen.

      

Kommentar-Feed (RSS)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.