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Landwirtschaft als Gemeingut

„Ressourcen wie Land oder Wasser sind nicht automatisch Gemeingüter, man muss sie dazu machen“, erklärte Silke Helfrich in ihrem Eröffnungsvortrag auf der Landwirtschaftlichen Treuhandtagung am 29. März in Kassel. Über 100 Teilnehmer diskutierten darüber, wie aus Landwirtschaft ein Gemeingut werden kann. Akteure gaben dazu Einblicke in ihre Projekte vom Gemeinschaftsgarten bis zu Bauernhöfen, die solidarische Landwirtschaft (Solawi) betreiben.

Silke Helfrich [1]

„Gemeingüter gehören nicht automatisch allen, aber niemandem alleine“, erklärte Silke Helfrich.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 [2]

Je nach Prozess kann eine Ressource eine Handelsware sein oder als Gemeingut (Commons) genutzt werden: Entweder landet das Wasser in einer Flasche im Supermarkt oder es ist einer Gemeinschaft frei zugänglich. In ihrem Vortrag nannte Silke Helfrich Premium Cola aus Deutschland und der Verbund von freien Genossenschaften Cecosesola aus Venezuela als gelungene Beispiele, wie Wirtschaft von Grunde auf neu gestaltet werden kann. Beide Projekte haben betriebswirtschaftliche Dogmen über Bord geworfen und orientieren sich am Wohl der Gemeinschaft – und dies mit wirtschaftlichem Erfolg.

MP3 Silke Helfrichs Vortrag kostenfrei herunterladen (mp3, 80 MB) [3]*

* Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0 [2] – Qualitätshinweis: lediglich mit Diktiergerät aufgenommen

PDF Präsentation des Vortrags (PDF, 3,47 MB), Lizenz der Gesamtpräsentation ausgenommen Bilder: CC BY-SA [4]

Video Während des Vortrags spielt Silke Helfrich ein Video über Uwe Lübbermann (Premium Cola) [5] und eines über Cecosesola [6] ab.

„Commons sind nicht per se nachhaltig, aber sie verfügen über ein großes Potential derart genutzt zu werden“, erklärte Helfrich. In ihrem Impulsvortrag öffnete sie das Feld der anschließenden Arbeitsgruppen zu den Themen Land, Arbeit und Früchte teilen. Dabei räumte sie auch mit einem häufigen Missverständnis auf: Der angeblichen Tragik der Allmende. Freier Zugang führt nicht automatisch zu Übernutzung, wenn eine Gemeinschaft auf Nutzungsregeln fußt. Auch Ute Zetek vom Stadtgarten Berlin [7] berichtete in einer Arbeitsgruppe, dass die Mitglieder bei der Ernte geneigt sind, sich eher zu wenig als zu viel zu nehmen.

Mehr als Gemüse

In den einzelnen Vorträgen und auch in den anschließenden Arbeitsgruppen wurde bald deutlich, dass auch innere Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Besonders, wenn sich eine Gemeinschaft neu bildet und dabei ein echtes Wir-Gefühl erzeugen möchte. Dazu bedarf es den Raum und die Zeit, Träume zu teilen, Probleme offen zu erörtern und gemeinsam Lösungen zu finden. Miteinander reden und aufeinander zugehen sind dabei wichtige Schlüssel.

Wenn ein Landwirt gewohnt ist, alleinverantwortlich für den Großhandel zu produzieren, ist es für ihn eine große Umstellung, wenn die Konsumenten nun aktiver Teil der Hofgemeinschaft sein wollen. Wie viel Nähe kann und möchte er zulassen? Wie gelingt eine offene Kommunikation? So wie Gemeingüter nicht vom Himmel fallen, müssen sich auch bei Initiativen aus der solidarischen Landwirtschaft, aber auch beim gemeinsamen Stadtgärtnern Gemeinschaften erst finden. So erkennt man auf dem zweiten Blick, dass nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch innere Reifeprozesse im Fokus stehen.

Hohe Ideale auf dem Boden der Tatsachen

Etliche Teilnehmer kamen weder aus der Landwirtschaft, noch aus dem Gartenbau. Doch auch das Interesse der Städter mit Schreibtischjob wo und wie Lebensmittel erzeugt werden ist hoch. Beim Gärtnern und bei der Arbeit auf dem Feld könne man sich erden und die eigenen hohen Ideale landen im positiven Sinne auf dem Boden der Tatsachen. Wichtig für die Gemeinschaft sind einheitliche Ziele, damit die anfängliche hohe Motivation nicht später zu Frust führt. Wird eine Vollversorgung mit Gemüse angestrebt oder geht es um den Spaß am Selberackern und darum Wissen weiter zu geben? „Es muss genug gefeiert werden“, sagte Helfrich. Projekte müssen nach ihrer Ansicht auf jeden Fall Freude bereiten, auch wenn es zäh sein kann, Entscheidungen nach dem Konsensprinzip zu treffen.

Laut Kathleen Cross von der Initiative Markushof [8] bei Heidelberg ist es wichtig, die Anfangsmotivation auch Projekt-Neulingen zu vermitteln, die die Aufbauphase nicht persönlich miterlebt haben. Die selbständige Dolmetscherin hätte sich alleine nicht mit solidarischer Landwirtschaft auseinandergesetzt. Erst die Gemeinschaft hat sie ermuntert aktiv zu werden.

Kathleen Cross

Kathleen Cross (links) in der Diskussion. Im Hintergrund schreibt Gastgeber Matthias Zaiser der Arbeitsgruppe „Früchte teilen“ Kernaussagen mit.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 [2]

Daniel Überall und Simon Scholl wollten die jetzige Ernährungssituation nicht hinnehmen. Sie kauften zwar Bio-Produkte im Supermarkt, jedoch stammten diese nicht immer aus der Region, hatten keine Saison und waren in Plastik eingepackt. Zudem war beiden der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln bewusst.

Daniel Überall

„Wir wollen nicht nur für Ökos, sondern für alle da sein“, erklärte der Mitgründer des Kartoffelkombinats Daniel Überall.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 [2]

So gründeten sie das als Genossenschaft organisierte Kartoffelkombinat [9] in München und übernehmen sukzessive eine Bio-Gärtnerei. Ein stetig wachsender Ernteanteil geht an die Mitglieder vom Kartoffelkombinat und landet nicht mehr im Großhandel. Mittlerweile können über 400 Familien versorgt werden. „Es geht um mehr, als um den Bezug von Biokisten“, sagt Überall, denn die Mitglieder sind eingeladen sich aktiv einzubringen.

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Ein Fazit der Tagung war, dass kein Patentrezept existiert. Vielmehr müssten die Projekte und Initiativen individuelle Wege finden, die den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entsprechen. Vielfach ist es dazu jedoch unnötig, das Rad neu zu erfinden, denn oft kann auf vorhandenem Wissen aufgebaut werden. Einen guten Anteil zum Erfahrungsaustausch hat die Landwirtschaftliche Treuhandtagung auf jeden Fall geleistet.