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Lieber Handel, bitte samenfest und Öko-Zucht

Kaum ein Käufer von Bio-Gemüse möchte Monsanto oder Syngenta auf dem Teller. In der ökologischen Landwirtschaft kommt allerdings auch konventionelles Hybrid-Saatgut dieser und anderer Unternehmen zum Einsatz. Dabei benötigt die Branche eigenes Saatgut, welches ohne chemische Mittel auskommt. Der Frage wie neue Öko-Sorten in den Handel und damit zu den Konsumenten kommen, gingen die Teilnehmer der 19. Saatguttagung der Zukunftsstiftung Landwirtschaft am 26. Januar in Kassel nach.

„Welches Gemüse aus samenfestem Öko-Saatgut stammt, können mir die Mitarbeiter im Bioladen oft nicht beantworten“, brachte eine Dame aus Berlin in einer Arbeitsgruppe das Problem vieler bewusster Kunden auf den Punkt. Die Waren sind meist nicht entsprechend gekennzeichnet. Dies könnte das neue Bioverita-Siegel ändern, welches für „bio von Anfang an steht“. Gemüse, Obst aber auch weiterverarbeitete Lebensmittel könnten es tragen. Bis es in Deutschland soweit ist, müssen alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette zusammen finden.

Doch auch viele Konsumenten kennen lediglich bei Äpfel und Kartoffeln unterschiedliche Sorten. Dabei ist die Fülle bei Obst und Gemüse extrem groß und daher gilt es für die Bio-Branche weiterhin zu informieren.

Die Krux bei neuen Sorten

Hybrid-Saatgut können Landwirte nicht vermehren, bietet aber hohe Erträge und gleichförmige Lebensmittel, die (nahezu) zur selben Zeit erntereif sind. Einige Öko-Landwirte setzen sie daher aus wirtschaftlichen Gründen ein – auch bei Demeter. Doch die Sorten sind für die konventionelle Landwirtschaft und deren chemischen Hilfsmittel gezüchtet.

Die Zucht von Öko-Saatgut lässt sich mittels Spenden finanzieren, aber besonders durch Nutzen und Aufessen. Schließlich sollen die Sorten letztendlich wirtschaftlich genutzt werden. Im Anbau und bei den Weiterverarbeitern einfach von heute auf morgen auf samenfeste Öko-Sorten umzustellen hat allerdings viele Tücken – wie unter anderem Matthias Deppe, Geschäftsführer des Großhändlers Naturkost Nord, berichtete. So sollte beim Sauerkraut der Eigenmarke eine samenfeste Weißkohlsorte ins Glas kommen. Allerdings waren die Köpfe nicht lange genug lagerfähig. „Der Verarbeitungszeitraum war zu kurz.“ Nun setzt man vorerst wieder auf Hybride.

Michael Fleck von Kultursaat erzählte von neuen schmackhaften und – für den Handel wichtig – lagerfähigen Tomatensorten. Allerdings entwickeln sich auch Schädlinge, wie Pilze weiter. So muss auch die Resistenz der Tomaten weiter angepasst werden, bevor sie im gewerblichen Gemüseanbau Einzug halten können.

Der Arbeitsaufwand, eine neue Sorte zu züchten, übersteigt die Vorstellungskraft vieler Laien. Catherin Cuendet von der Getreidezüchtung Peter Kunz nahm die Anwesenden gedanklich mit auf das Getreidefeld. In der brütende Hitze des Sommers geht sie jede einzelne Reihe ab. Über Stunden muss sie konzentriert jede Ähre in Augenschein nehmen und nicht passende aussortieren. In einigen Jahren wird sich zeigen, ob sich der Aufwand gelohnt hat und die neue Sorte angebaut, und den Weg über Verarbeiter und Handel zum Konsumenten finden wird.

Die Mühe der Mühle

Die Meyermühle steht sozusagen zwischen den Fronten, sprich zwischen den Wünschen der Landwirte und der Bäcker. Für letztere sind die Backeigenschaften entscheidend. Bei jeder neuen Getreidelieferung schwanken die Inhaltsstoffe und Merkmale, Bäcker benötigen das ganze Jahr einheitliches Mehl. Die Kunst der Mühle ist ein guter Verschnitt. Ansonsten wären die Teige kaum maschinengängig, schließlich verzichten Bio-Bäcker auf Hilfsstoffe wie Enzyme. „Das sind knallharte Forderungen“, erklärte Vorstandsmitglied Michael Hiestand.

Allerdings könne man Kunden mit besonderen Produkten wie dem sortenreinen Lichtkornroggenbrot überzeugen. Das Getreide wird eigens für die Hofpfisterei angebaut und vermahlen. Der Handel informiert Kunden, dass das uneinheitliche Aussehen der Brote ein Qualitätsmerkmal und kein Makel ist.

Voelkel – Vorreiter bei samenfesten Öko-Sorten

„Wir wissen viel und müssen endlich entsprechend handeln“, sagte Boris Voelkel, Einkaufsleiter der Naturkostsafterei Voelkel, mit Nachdruck. „Wir sehen die Probleme und kennen doch die Lösungen. Jeder soll sich fragen, was er dazu beitragen kann, Öko-Sorten auf den Markt zu bringen.“

Die Bilanz von Voelkel kann sich jedenfalls sehen lassen. Bis auf Hybrid-Gurken, verarbeitet das Unternehmen nach eigener Aussage für die eigene Marke ausschließlich samenfeste Öko-Sorten. Dabei ist Kreativität gefragt. So zeichnet sich die Möhre Rodelika zwar durch ihren süßen Geschmack aus, aber der Ernteertrag ist geringer. Zudem hat die Möhre viel Trockensubstanz, was weniger Saftausbeute verspricht. Lösung: In den hauseigenen Möhrensaft kommen die Sorten Solvita und Rodelika.

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass die Bio-Branche in Sachen eigenes Saatgut etliche Jahre geschlafen hat. Der Naturkosthandel war seit jeher nicht nur Einkaufsort, sondern schaffte durch gezielte Aufklärung den Zugang zu Hintergrundwissen. Auf diese Stärken müssen man sich wieder besinnen, denn Lidl & Co. könnten ihren Kunden diesen Mehrwert kaum bieten, wie auch Oliver Willing, Geschäftsführer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, betonte. In Puncto neuer gentechnischer Verfahren wie CRISPR hieße es sich eindeutig für samenfestes Saatgut aus ökologischer Zucht zu positionieren.