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Mit der Kuh per du

Eine Kuh ist ein auf seinen Fingernägeln stehender Quader, der beständig droht zu explodieren. Aha, äh wie bitte? Der Schweizer Demeter-Landwirt Martin Ott lässt die Leser seines Buchs „Kühe verstehen – Eine neue Partnerschaft beginnt“ die Eigenschaften und das Wesen der Kuh erfassen. Schnell wird klar, dass sie mehr ist, als ein langweiliger Milchlieferant. Nach der Lektüre sieht man Kühe mit anderen Augen, denn es gibt Faszinierendes zu entdecken.

Das Wesen der Kuh ist bodenständig, überhaupt hat sie es den Menschen ermöglicht, Landwirtschaft zu betreiben und sesshaft zu werden. Sie veredelt Gras zu Milch und Fleisch und liefert wertvollen Dünger.

Seit langer Zeit sind wir mit den Tieren eng verbunden. Allerdings ist das Verhältnis mittlerweile besonders durch die industrielle Form der Landwirtschaft extrem gestört. Dort zählen nur exorbitante Milchleistungen, die durch einseitige Zucht und die Gabe von Kraftfutter – welches die Kuh von Natur aus nicht gut verwerten kann – ermöglicht wird.

Einseitige Rinderzucht sorgt für kranke Tiere

Ein Beispiel von vielen, welches Martin Ott allgemeinverständlich erläutert: Die Schleimhäute an den Innenseiten der Zitzen bilden körpereigene Abwehrstoffe, die bakterielle Infektionen abwehren können. Allerdings: „Durch die zusätzliche Züchtung der Kühe auf hohe Minuten-Gemelke – also auf die Fähigkeit der Kuh, bis zu acht Liter pro Minute aus den Zitzen in die Melkmaschine zu liefern, damit der Bauer weniger Zeit benötigt, um die Kuh zu melken –, durch die Erhöhung dieses Minuten-Gemelks hat man dummerweise die Abwehrkraft der Kuh gegen Euterentzündungen zusätzlich geschwächt. Eine allzu offene Zitze ist eine willkommene Einladung für allerlei Bakterien, die in das warme und lebendige Euter eindringen wollen“, schreibt Ott. Weiterhin leide die körpereigene Abwehr unter ständigen antibiotischen Behandlungen.

Auch in Teilen der ökologischen Landwirtschaft haben sich das Enthornen und die hornlose Zucht breit gemacht. Aus wirtschaftlicher Sicht passen so mehr Tiere in einen Stall und man möchte das Verletzungsrisiko für Mensch und Tier minimieren. Tatsächlich beraubt man den Rindern eine Möglichkeit zu kommunizieren, denn die Hörner spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Das Sozialleben der Kuh: Von Freundinnen und Zicken

Kühe sind langweilig und ständig nur am Fressen. Das ist das vorherrschende Bild in unseren Köpfen. Dabei verkennen wir das soziale Wesen der Tiere. Ott schildert Kühe, die ihre Freundinnen auch nach einer langen Trennung wiedererkennen und die Freundschaft augenblicklich fortsetzen. Das Vertrauen reiche manchmal so weit, dass sich Kühe ihre Augen an den Hörnern ihrer Freundin säubern. Jede Kuh hat ihren eigenen Charakter und natürlich gibt es auch Zicken, die sich per se nicht mit den Artgenossen verstehen.

Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 [1]

Ein entscheidendes Wesensmerkmal sind die Hörner. „In unseren Ställen findet innerhalb der Herde über die Kopfhaltung und die Stellung der Hörner ein ununterbrochenes Flüstern statt“, schreibt Ott. Überhaupt erkennt die Kuh, auch wenn sie schlecht sehen kann, über größere Entfernungen ihre Artgenossen, deren Stimmung und Botschaften an den Hörnern. Ähnlich wie bei uns Menschen ist die Körpersprache ein wichtiger Signalgeber. Ist dieser gestört, kommt es zu Missverständnissen und Auseinandersetzungen.

Wunderwelt Kuh

Ein wahres Wunder ist die komplexe Verdauung der Kuh, die es schafft, aus Rohfasern Energie und Nährstoffe zu gewinnen. Gerät dieses komplexe Zusammenspiel durcheinander, bilden sich zu viele Gase und die Kuh droht tatsächlich zu explodieren. Sämtliche Rhythmen des Körpers sind aufeinander eingespielt.

Ja, man kann durchaus ins Schwärmen geraten, angesichts der Einblicke, die der Autor in „Kühe verstehen – Eine neue Partnerschaft beginnt“ allgemeinverständlich und unterhaltsam aufzeigt. Das Werk kann bei Landwirten und Lebensmittelproduzenten, aber auch beim Konsumenten für ein Umdenken sorgen. Wenn wir ehrlich sind, nehmen wir Milch oftmals als billiges Massenprodukt wahr und verschwenden keinen Gedanken an die Art der Produktion. Rinder sind allerdings keine Maschinen, die man mit wenigen Handgriffen an den Stellschrauben an wirtschaftliche Bedürfnisse anpassen kann.