Überflüssig: Wenn Lebensmittel im Müll landen

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Alleine in Bayern belaufen sich die vermeidbaren Lebensmittelverluste auf 1,31 Millionen Tonnen jährlich. Umgerechnet sind das 73.000 voll beladene LKWs. Die Anbaufläche in Größe Mecklenburg-Vorpommerns ließe einsparen, gäbe es in Deutschland keine unnötigen Lebensmittelabfälle mehr. Welchen Anteil die Konsumenten am Dilemma haben und wie der Lebensmittelhändler tegut Verluste minimiert, erzählte Rainer Würz, Mitarbeiter im Bereich Qualität und Umwelt, vergangenen Samstag in einem Vortrag im Umweltzentrum Fulda.

Der gute Konsument auf der einen und der böse Handel auf der anderen Seite – diesen Zahn zog Rainer Würz seinen Zuhörern. Bereits seit zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem Themenkomplex Lebensmittelverschwendung. Von den jährlich in Deutschland anfallenden rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittelabfall haben private Haushalte einen Anteil von 52 Prozent. Pro Person und Jahr landen rund 75 Kilogramm im Müll. „Der Handel verursacht jährlich zwischen 310.000 bis 500.000 Tonnen Abfall und hat damit einen Anteil von gerade einmal rund vier Prozent.“ Pro Geschäft und pro versorgtem Verbraucher sind es gerade einmal vier Kilogramm im Jahr.

Lebensmittelverschwendung: jedes Mal ein herber Verlust

Genießbare Lebensmittel im Müll zu entsorgen und damit zu verschwenden, ist jedes Mal ein tragischer Verlust. „Damit gehen auch alle eingesetzten Ressourcen für Herstellung, Verpackung und Transport verloren“, mahnte Würz. Derzeit benötigt jeder Deutsche für die für ihn produzierten Lebensmittel pro Jahr eine Fläche von 2.300 Quadratmeter. „Man geht davon aus, dass 2050 weltweit nur noch 2.000 Quadratmeter pro Kopf verfügbar sein werden.“ Höchste Zeit, die vermeidbaren Verluste zu minimieren.

Tegut biete ganz bewusst bei Obst und Gemüse neben verpackter Ware auch viele Produkte lose an. „So kann jeder genau die Menge einkaufen, die er auch benötigt. Im Umkehrschluss bleibt Ware, die zwar genießbar ist aber nicht mehr so schön aussieht, in den Läden leider liegen.“ Am Beispiel der Banane lässt sich irrationales Einkaufsverhalten deutlich erkennen, denn für jeden Händler ist es eine Kunst, sie im richtigen Reifegrad anzubieten. „Sie soll nicht mehr grün sein, aber auch keinen einzigen braunen Fleck aufweisen. Dabei wäre die Frucht dann reif und schmeckt am besten.“

Mangelnde Wertschätzung und Mindesthaltbarkeitsdatum

Tatsächlich schätzen viele Konsumenten Lebensmittel nicht mehr wert. Kein Wunder: Sie sind billig und ständig in Massen verfügbar. Der Klassiker ist das Erreichen oder Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums. „Viele Produkte sind danach noch bedenkenlos verzehrbar. Hersteller garantieren lediglich bestimmte Produkteigenschaften wie Farbe, Konsistenz, Geschmack.“ Vor dem Wegwerfen gelte es zu prüfen – sehen, riechen, schmecken laute dann die Devise. Anders beim Verbrauchsdatum beispielsweise bei Hackfleisch. Da sich krankmachende Keime bilden können, ist der Verzehr bei abgelaufenem Verbrauchsdatum nicht mehr ratsam.

Kommt bei Produkten in den Regalen von tegut das Mindesthaltbarkeitsdatum in Sichtweite, bietet sie der Händler oft mit Rabatt an. Obwohl die meisten Lebensmittel nach dem Überschreiten noch genießbar sind und tegut sie theoretisch noch verkäufen könnte, verschwinden sie aus dem Angebot. „Die Produkthaftung der Hersteller würde komplett auf uns übergehen. Wir können nicht wissen, wie viel Puffer bei jedem Artikel eingerechnet und wie lange er noch bedenkenlos verzehrbar ist.“ Dann kommen Organisationen wie Foodsharing oder örtliche Tafeln ins Spiel, um Übriggebliebenes abzuholen und zu verteilen. Reißen alle Stricke, landen die Lebensmittelabfälle in der Biogasanlage am Finkenberg bei Großenlüder. Der Clou: Hier werden ausschließlich Reststoffe verwertet, einen Anbau von Energiepflanzen wie Mais gibt es nicht. Auf Erdgasqualität veredelt landest das Biogas schließlich im Netz.

Königsdisziplin Einkaufen

Eine wahre Choreografie findet täglich statt, damit bestenfalls stets genau die richtige Menge an Lebensmitteln in den Märkten verfügbar ist. „Im Grunde stehen wir vor der gleichen schwierigen Frage wie jeder Konsument: Wie viel kaufen wir ein?“ So exakt wie möglich zu kalkulieren ist bei jedem Lebensmittelhändler die Königsdisziplin. Schließlich gilt es, die Ware auch rechtzeitig bei den Produzenten zu ordern und so kurz wie es nur geht im Zentrallager zwischenzuparken. Im Hause tegut verweilt dort beispielsweise Obst maximal eineinhalb Tage. „Besonders sensible Produkte wie Erdbeeren drehen sich mehrmals am Tag, sind also nur wenige Stunden im Lager.“

In den Filialen hilft ein automatisches System, welches zu jedem Artikel eine optimale Bestellmenge vorschlägt. Diese errechnet ein Algorithmus anhand von jahrelangen Erfahrungswerten – selbst die aktuelle Wetterprognose spielt eine Rolle. „Die Maschine denkt, aber der Mensch entscheidet“, stellte Würz klar. „Gerade Corona hat alles durcheinander gewirbelt – rein auf die Zahlen aus der Vergangenheit ist kein Verlass.“

Besonders heikel: Die meisten Kunden erwarten kurz vor Ladenschluss noch das volle Sortiment an Back- und Frischwaren. „Auch wir müssen ein Grundsortiment anbieten, anders geht es im Handel nicht.“ Ergänzend zur frischen Ware aus der Bäckerei können die Backshops bei tegut auf Tiefgekühltes zurückgreifen, um es bei Bedarf direkt in den Filialen zu Ende zu backen. Generell müssten Kunden aber damit leben, nicht mehr alle Produkte vorzufinden. Je voller die Regale kurz vor Ladenschluss mit Frischwaren sind, umso mehr bleibt am Ende übrig. Und wie es die Zuhörer gelernt haben: Das können wir uns ökologisch nicht mehr leisten.

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