Welthunger durch Welthandel

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Vom Menschenrecht auf Nahrung zum Lebensmittel als Gemeingut

Jens Brehl: Was ist denn das Menschenrecht auf Nahrung für jemanden wert, der hungert und keinen oder nur einen stark eingeschränkten Zugang zu Lebensmitteln hat?

Nikolai Fuchs: Für denjenigen ist das Recht erst einmal gar nichts wert. Er kann zwar versuchen es einzuklagen, doch wer arm ist und hungert hat dazu keine Mittel. Was ich auch erst lernen musste: In den Ländern des Südens wird die Politik vorwiegend an den starken Stadtzentren und hohen Einkommensschichten ausgerichtet. Hier sind die relevanten Wähler. Hinten runter fällt dann die ländliche Bevölkerung, die keine Teilhabe hat.

Wenn sie dennoch bedacht werden, dann oft in Form von falsch verstandener Entwicklungshilfe: Billige Lebensmittel werden in ihre Region geschafft. Diese sind dann so günstig, dass die lokalen Erzeuger ihre Waren nicht mehr verkaufen können und auch anfangen zu hungern. Diese Art von Hungerbekämpfung findet seit Jahrzehnten statt, ergibt aber als Dauerlösung keinen Sinn.

Jens Brehl: Wie kann man den nun das Menschenrecht auf Nahrung in der Praxis leben?

Nikolai Fuchs: Wie der Weltagrarbericht prominent herausgestellt hat, kommt es auf agro-ökologische Maßnahmen und bäuerliche Landwirtschaft an. Das Lebensmittelsystem ist von seinem Wesen her regional und so sollte es auch gestaltet werden. Hier baut es auf Frische, kurze Transportwege und Vertrauen auf. Über allem sollte daher der Slogan „regional ist erste Wahl“ stehen, was aber nicht bedeutet, den Handel abzulehnen. Im ersten Schritt gilt es, die Lebensmittelversorgung regional zu organisieren und das Angebot erst dann durch Handel zu vervollständigen. Das ist kein Schritt zurück, sondern nach vorne: keine Marktorientierung, sondern eine Entwicklungsorientierung auf Bodenfruchtbarkeit, nachbaufähigen Sorten und lokalen Handelsstrukturen.

Jens Brehl: Über solch ein Modell würden sich große Nahrungsmittelkonzerne wohl wenig freuen.

Nikolai Fuchs: Das ist zwar für die Konzerne zunächst kein Grund zur Freude, aber sie könnten es auch als Chance begreifen und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Manche Nahrungsmittelindustrie kauft heute schon bewusst regional ein und die heutige Chemie-Industrie könnte ebenso gut biologische Schädlingsbekämpfungsmittel herstellen.

Jens Brehl: Mit welchem System könnte es gelingen, den Welthunger zu besiegen, wenn die Marktwirtschaft es nicht vermag? Wenn für die Menschen und nicht mehr für den Markt produziert wird, klingt das doch im ersten Moment nach Kommunismus, oder?

Nikolai Fuchs: Kommunismus war eine Vergemeinschaftung nach dem Motto, allen gehört alles, was aber auch nicht funktioniert hat. Etliche südliche Länder haben sich nach dem Überwinden der Kolonialherrschaft sozialistischen Systemen zugewandt, und vielerorts haben damit Misswirtschaft und Korruption Einzug gehalten. Erst durch die dadurch verursachten Krisen kam das über die Bretton Woods Organisationen Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank aufgezwungene System der Marktwirtschaft vollständig zum Tragen.

Aber es gibt Mittelwege in Form von Systemen, die sich am Gemeinwohl und am Gemeingut orientieren. Speziell bei Lebensmitteln handelt es sich von Natur aus eher um Gemeingüter als um Waren, weil Menschen von ihnen existenziell abhängig sind. In einer Gemeingut-Wirtschaft sind selbst verwaltete Strukturen Kernelemente. Hierbei gehört nicht allen automatisch alles, sondern betroffene Menschen bewirtschaften ihre Gemeingüter gemeinsam nach ihren Regeln.

In Deutschland sind wir scheinbar die Gewinner der globalen Marktwirtschaft. Demnach fühlen wir keine Not, die erfinderisch macht neue Wege zu beschreiten. Aber es gibt hierzulande beispielsweise das Modell der solidarischen Landwirtschaft, die im Kleinen vorlebt, wie man sich vom Markt abkoppelt. Auch Stadtfarmen und Stadtgärten sind Initiativen in diese Richtung. Aus Amerika kennen wir die so genannten Food Councils, ein schönes Beispiel ist das Milwaukee Food Council.

Jens Brehl: Woher beziehen Sie Ihre Lebensmittel und worauf achten Sie besonders?

Nikolai Fuchs: Im Wesentlichen kaufe ich bei uns im Bioladen. Besonders achte ich dabei auf Verbandsware. Unser Bioladen hat darüber hinaus ein Partnersystem mit regionalen Erzeugern aufgebaut, in das ich monatliche einzahle. Im Gegenzug erhalte ich bei meinen Einkäufen Partner-Preise. Den Kühlschrank-Test würde ich also meistens bestehen.

Jens Brehl: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

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