„Wir müssen aus der Sackgasse raus“

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Alltag in der Landwirtschaft: Hochleistungskühe, die pro Jahr 10.000 Liter Milch und mehr geben, halten dies nur wenige Jahre durch. Säue bringen mehr Ferkel zur Welt, als sie ernähren können – ein Teil des Nachwuchses stirbt. Kälber von für die schnelle Mast gezüchtete Rinder sind teilweise so groß, dass sie mit Kaiserschnitt geboren werden müssen. Auch Masthähnchen setzen zu schnell zu viel Fleisch an, so dass sie sich kaum bewegen können. „Die heutigen Wirtschaftsrassen sind vollkommen überzüchtet. Wir befinden uns in einer Sackgasse“, sagt Landwirt Andreas Böhm. Gemeinsam mit seiner Frau Iryna hält er auf dem Archehof in Eichenzell-Kerzell vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen.

Andreas Böhm steht keine Minute an der Weide, da kommen seine Rinder auch schon angelaufen und begrüßen ihn. Alle Tiere tragen nicht nur ihre Hörner, sondern das Rote Höhenvieh ist bestens an unser heimisches Klima angepasst. Doch Hochleistungskühe haben sie in weiten Teilen der Landwirtschaft schon lange verdrängt. Im Hintergrund rennen die Diepholzer Gänse über die Wiese. „Sie haben noch einen natürlichen Brutinstinkt. So werden die Küken auf unserem Hof geboren und kommen nicht aus der Brüterei“, freut sich Böhm.

Auf einer anderen Weide dösen die Bunten Bentheimer Schweine. Sie waren besonders in den 1950ern beliebt. Sie sind genügsam und können im Freien gehalten werden. Selbst die Bienen freuen sich über eine wesensgemäße Haltung: Die Böhms betrachten und behandeln das ganze Bienenvolk als einen Organismus. Daher werden keine Waben hin und her getauscht oder die Schwarmbildung unterdrückt. Rund um den mobilen Stall scharren Vorwerkhühner in der Erde oder suchen Schatten. Sie gehören zu einer so genannten Zweinutzungsrasse: die Hühner legen Eier, die Hähne setzen Fleisch an. Männliche Küken bleiben demnach am Leben. Hybridhühner sind entweder auf eine hohe Eierlege-Leistung gezüchtet oder für eine schnelle Mast. Doch auch auf dem Archehof Kerzell gibt auch es Hybridhühner. Sie legen pro Jahr bis zu 280 Eier, Vorwerkhühner die Hälfte oder weniger. Um derzeit Vermarkten zu können, müssen sie den Vorwerkhühnern unter die Flügel greifen, denn deren Gruppe ist noch zu klein. Eier und Honig sind bislang die einzige Produkte des Hofes.

Alte Nutztierrassen bewahren und Kulturschätze erhalten

„Die Genetik der alten heimischen Rassen ist mit ihrer Vielfalt ein wertvoller Kulturschatz. Ihn zu verlieren können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.“ Damit er erhalten bleibt, möchte das Ehepaar Böhm beweisen, dass man auch mit alten Nutztierrassen gut wirtschaften kann. Eine kleinteilige und vielfältige Landwirtschaft könne die Welt durchaus ernähren.

Begonnen haben die Böhms im letzten Jahr mit der Imkerei, in diesem Jahr haben weitere Tiere Einzug gehalten. Von Beginn an wirtschaften sie ökologisch. Ist die Aufbauarbeit abgeschlossen soll eine entsprechende Zertifizierung folgen. Grundlage war der elterliche Betrieb von Andreas Böhm.

Auch im gewerblichen Gemüseanbau haben Hybrid-Sorten ihre samenfesten Pendants mitunter verdrängt. In diesem Punkt herrscht ebenfalls auf deutschen Äckern mehr Einfalt als Vielfalt. „Daher würde es uns sehr gefallen, wenn eine Gärtnerin oder ein Gärtner auf unserem Hof alte Sorten anbauen möchte.“

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